GEOMETRISCHES BALLETT von Ursula Sax

Das Überschreiten der Grenzen: Bildhauerei als Grundlage eines Bühnenstücks


Das „Geometrische Ballett (Hommage à Oskar Schlemmer)“ verbindet verschiedene Bereiche der Künste: Zu allererst ist es ein Werk der Bildhauerin Ursula Sax, die 1935 in Backnang (Baden-Württemberg) geboren wurde, und nach Bildhauerstudien seit 1955 freischaffende Künstlerin ist. Das erste Studium trat sie bereits mit 15 Jahren in Stuttgart an der dortigen Kunstakademie an und ergänzte es in Berlin ab 1955 mit einem Studium bei Hans Uhlmann. Jahrzehnte später folgte sie dem Ruf als Professorin für Bildhauerei zuerst an die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (1990–1993) und später in Dresden (1993–2001). Skulpturen von Ursula Sax finden sich vielerorts im öffentlichen Raum und ihr Werk ist in zahlreichen Museen (u.a. in der Sammlung der Berliner Nationalgalerie) und in Privatsammlungen vertreten.

Ursula Sax hat alle bildhauerischen Materialien durchgearbeitet und neue, damals wesensfremde hinzugewonnen: Vom Stein über Bronze zu Holz und Strick – und von Textil bis zu Papier. Von der hermetisch geschlossenen Kernskulptur sich früh entfernend, öffnet sich die Skulptur der Sax sukzessive über die Jahre in den Raum und setzt sie in kühnen Formen – und bald auch tänzerisch – in Bewegung. So könnte man neben zahlreichen anderen Skulpturen ihre berühmteste Skulptur, die Königin der Berliner Außenskulpturen, den gelben, sich haushoch in den Himmel windenden „Looping“ von 1992 (Entwurf 1987) an der Avus als Beispiel anführen. Doch schon zuvor eroberte Ursula Sax in Performances den öffentlichen Raum, bei denen  sie skulpturale Formen nutzte. Eine Krönung dieser Entwicklung ist das „Geometrische Ballett“, das in erster Linie skulptural gedacht ist und die choreografierte Bewegung der Skulptur, den Tanz in den Raum, auf die Bühne bringt, den Menschen als Maß aller Dinge begreift und ihn zum kreativen Nutzen der „Tanzskulpturen“ einlädt.

Je nach Werkgruppe der „Tanzskulpturen“ sind die Bewegungsabläufe durch die plastischen Vorgaben von Ursula Sax definiert:
Die streng geometrischen „Körperpappen“ schränken die Bewegung des Darstellers drastisch ein. Aber im Zusammenspiel von Körper und dem bildhauerisch einfachen Material der steifen Pappe verschmelzen sie zu einer Einheit und formen neue Bilder und bewegliche Skulpturen.
Die „Luftkleider“ arbeiten mit nichts anderem als einer genähten, skulptural geschaffenen Stoffhülle, dem Körper des Darstellers und der Luft als bildhauerischem Material. Je nach Bewegung des Tänzers wird die Luft kanalisiert wie bei einem Blasebalg, so dass plötzlich Teilformen aufpoppen, die zuvor schlaff herunterhingen. Die Vielfalt an flexiblen Formen innerhalb eines Luftkleides und der sparsame Einsatz von Farben schaffen ein lebendiges Bühnenbild im Dialog der Bewegung durch die Tänzer.
Die dritte Gruppe der „Körpermasken“ ist aus schwerem Filz genäht und erlaubt dem Tänzer dennoch eine größere Freiheit des tänzerischen Ausdrucks, da die „Softsculpture“ zwischen Behausung, Schutzkleid und Panzer oder einer abstrakten Form changiert. Gleichzeitig werden aber Bilder erzeugt, wie wir sie aus der Geschichte kennen: Eine Figur scheint einer zum Leben erweckten mittelalterlichen Grabplatte eines Ritters gleich, die andere gemahnt an einen Krieger und/oder gewalttätigen Papst. Das Material selbst setzt archaisch besetzte Assoziationen frei, die uns als Menschen seit unserer Frühzeit begleiten: Wärme, Geborgenheit, Schutz, aber auch Aggression.

Die erste und bisher einzige Aufführung des „Geometrischen Balletts“ erfolgte 1992 auf einer Nebenbühne des Staatstheaters Braunschweig, als die Künstlerin vor Ort an der Kunsthochschule lehrte. Das gesamte Ensemble der „Tanzskulpturen“ hat die Künstlerin bereits 2010 der Berlinischen Galerie – Landesmuseum für Kunst, Fotografie und Architektur testamentarisch vermacht. Als der Galerist von Ursula Sax ergriff ich die Initiative, das einmalige Tanzstück wieder zu neuem Leben zu erwecken. Dank einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne konnten die Originale für eine neue Inszenierung kopiert werden, so dass die historischen Tanzskulpturen für die Zukunft als Kulturgut bewahrt werden können.

Dass im Jahr des großen Bauhaus-Jubiläums das „Geometrische Ballett“ seine eigene Wiederauferstehung feiert, ist eine Fügung und ein willkommener Umstand. Nicht umsonst ehrte Ursula Sax 1992 in dem Titel des Bühnenstückes mit Oskar Schlemmer einen der großen Bauhauskünstler. Das „Geometrische Ballett“ der Sax ist in seiner Formensprache autonom und universell, in sich selbst schon klassisch, aber auch offen für das Jetzt und deshalb prädestiniert, zu jeder Zeit auf den großen Bühnen der Welt aufgeführt zu werden.

Semjon H. N. Semjon

www.werksax.de
www.semjoncontemporary.com


Eine Produktion von
tristan Production | Management | Event
in Koproduktion mit
HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste
Initiiert durch
Semjon H. N. Semjon, Semjon Contemporary


Mitwirkende:
Gesamtleitung und Produktion: tristan UG
Choreografie und Tanz: Katja Erfurth
Musik: Sascha Mock
Dramaturgie: Isolde Matkey
Lichtdesign: Ted Meier
Gesang und Performance: Annette Jahns
Tanz und Performance: Erik Brünner, Helena Fernandino, Jule Oeft, Liang Zhu

Aufführungen

TelefonTickets und Infos:(03591) 358 111ticket©sne-gmbh.com
07. November 2019
19.30 Uhr
SNE Bautzen